Wie die Jungfrau zum Kind, bin ich zum Ausfahren von Mahlzeiten für Senioren gekommen

24.05.2016

Wie die Jungfrau zum Kind, bin ich zum Ausfahren von Mahlzeiten für Senioren gekommen

„Just bist du pensioniert, nun kannst du etwas für die Allgemeinheit tun“ waren die Worte eines Bekannten. Und bevor sich der eher besonnene Walter Reust richtig umsehen konnte, verteilte er warme Mittagessen an 22 bis 28 betagte Personen in der Stadt Chur. Dabei kommen ihm seine Ortskenntnisse als ehemaliger Feuerwehr-Kompanie-Kommandant zu Gute. Die kurzen Begegnungen mit den älteren Menschen seien wunderschön. Man spüre die Freude und Dankbarkeit, wenn die Bejahrten ein paar Worte schwatzen können und wenn man die Uhren bei der Zeitumstellung dienlich richte.
 

Die schönste Zeit des Tages verschläft der Mensch

„Wenn der Tag erwacht und ich die ersten Vögel zwitschern höre, das ist für mich Lebensqualität“. Während der warmen Jahreszeit erlebt Walter Reust diese Lebensqualität beim Fischen. Wenn er bereits morgens um 5 Uhr seine Fischerrute in einen Bündner Bergsee oder in einen See in der Provinz Sondrio auswirft, taucht er in eine andere Welt ein, weg von der Hektik, hin zur Ruhe und Zeitlosigkeit.
Schon als Bub sass der heute 69jährige Berner jeden Tag am Thunersee. Nicht wegen dem Fischen, sondern wegen der Stille. Seine blauen Augen leuchten, wenn er von seiner unbeschwerten Kindheit erzählt. Er ist in einer Kleinunternehmerfamilie aufgewachsen und hat eine herrliche Jugend erleben dürfen. Und dass er heute noch als erstes, wenn er nach Hause kommt, seine Schuhe auszieht und seine Hände wäscht, wie es ihn seine Mutter lehrte.

Der gelernte Aviatiker zog 1982 über Zürich nach Chur. Mittlerweile wohl mit herzlichen Lachfalten und als grauhaariger Grossvater, jedoch ist er seinem schönen Berner Dialekt treu geblieben und erzählt seine Geschichte weiter.

Wie schön, lässt mein jetziger Beruf zu, das zu tun, was ich liebe

In den hellen Sommermonaten sei er ein Frühaufsteher, aber in den dunklen Wintermonaten ein Siebenschläfer und Geniesser. Dann schlafe er gerne aus, Zmörgele fein, lese Zeitung und erledige seine Hausarbeit dann, wenn es nötig sei und nicht weil am Montag gewaschen werden müsse. Walter Reust erzählt und fühlt sich sichtlich wohl, dass er keinen Zeitdruck mehr hat und seinen Alltag selber gestalten und einteilen kann - für ihn pure Lebensqualität.
Seit seiner Frühpensionierung mit 63 Jahren hält sich der ehemalige Organisations- und Verkaufsleiter Assekuranz beim wöchentlichen Altherrenturnen fit. Die drei rüstigen Leiter des Sportvereins Masans setzen bei den 65- bis 80-jährigen Senioren auf Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer und Spiel, was den vitalen Reust sehr erfreut. Obendrein joggt der immer freundliche Berner zweimal die Woche durchs Wasser und schwitzt anschliessend in der Sauna. Bevor er dann beim gemeinsamen Mittagessen mit seinen Sportkollegen den sozialen Kontakt pflegt.

Seit Jahren geht der aktive Witwer mit dem geborgten Münsterländer Jagdhund „Arthos“ wöchentlich spazieren. Fast mystisch, wie sich der Name „Arthos“ anhört, berichtet Walter Reust item von der Freude des Hundes. Bei seinen Erzählungen spürt man leiblich, dass diese Wonne auf Gegenseitigkeit beruht.

Mit Freude geniesst der ehemalige passionierte Hockeyspieler und Schweizer Meister der Feuerwehr Kloten die Spiele des EH Chur von der Tribüne aus, das Skypen mit seiner Schwester in Australien, Ferien an der Ostsee beim Dorsch-Fang, das tägliche Rüsten des frischen Gemüses und das gemütliche Zmittag kochen, seine Wellnessferien am Achensee und das Sudoku lösen vor dem Schlafengehen.

Bei der typischen Waage, die nicht nein sagen kann und in jedem Menschen nur das Gute sieht, spürt man eine grosse Zufriedenheit bei seinen Erzählungen. Mit seinen jungen Händen, der gepflegten Erscheinung und den gelben Hosen wirkt Walter Reust sehr dankbar für seinen grossen Freiraum, hat Spass an dem was er tut und ergreift die Gelegenheit, die ihm das Leben bietet.

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